Die Geburtsstunde Europas ist eine arabische Ziffer

Tariq ibn Ziyad - Quelle Wikimedia
Der Berber Tarik Ibn Sijad besiegt am 19. Juli 711 die Westgoten in Spanien und bringt die arabisch-islamische Kultur nach Südeuropa. Kunst, Technik, Medizin und Philosophie ist der abendländischen Kultur haushoch überlegen und dient europäischen Gelehrten als Vorbild. Ja, sie beeinflusst selbst die katholische Lehre in der Scholastik.

Tarik Ibn Sijad.   Im Auftrag des nordafrikanischen Gouverneurs Musa Ibn Nusair setzt der Berber Tarik Ibn Sijad mit 7.000 Mann von Nordafrika auf das europäische Festland über und errichtet einen durch eine Festung gesicherten Brückenkopf. Den Ort der Landung nennt man "Gabal Tarik" ("Berg des Tarik"), Gibraltar. Die Westgoten unter dem König Roderich werden von Tarik am 19. Juli 711 trotz vielfacher Überlegenheit (12.000 Mann auf der Seite der Araber gegen 100.000 Goten unter König Roderich) bei Xerez de la Frontera vernichtend geschlagen, Roderich fällt in der Schlacht. Bis 715 erobern die Araber fast die gesamte Iberische Halbinsel. Tarik und Musa erleben dies jedoch nicht mehr, sie werden an den Kalifenhof nach Damaskus gerufen, ihrer Ämter enthoben und vermutlich auch hingerichtet.

Aufbruch des Abendlandes. Die Anwesenheit der arabischen Eroberer hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Kultur der iberischen Halbinsel, ja auf das ganze damalige Europa ausgeübt. Besonders Südspanien, das damals Al-Andalus hieß, blühte unter der arabischen Herrschaft auf, vor allem dank der neuartigen Bewässerungstechnik sowie vielen weiteren wissenschaftlichen Errungenschaften. Dort entstand nun eine Kultur, die Europa mit golddurchwirkten Stoffen, Glas, Porzellan, Teppichen, Seide und einer prächtigen Architektur voller Ornamente bereicherte. Orientalische Modelle der Stadtanlage, der Architektur und der Innenausstattung der Häuser haben nicht nur das hispanische Mittelalter bestimmt, sie wirken mancherorts noch bis heute im ganzen Abendland nach. Die Araber sind "Leute der Schrift", sie schreiben ungeheuer viel und sammeln in wenigen Jahrzehnten das gesamte Wissen der Menschheit aus vier- bis fünftausend Jahren. Es war also auch eine Kultur, die vergessenes Wissen – die antiken Philosophen - aus Europa wieder zurück ins Abendland brachte.

Der ökonomische und kulturelle Fortschritt der Mauren übertrumpfte alles, was bis zu diesem Zeitpunkt in Europa bekannt war. Mit großem Know-How in der Landwirtschaft, weit verbreiteter Kunsthandwerk-Produktion, einem berühmten Handelssystem und einem fortschrittlichen Zahlungs-System sicherte das Königreich sich seinen finanziellen Erfolg. Auch kulturell waren die muslimischen Spanier allen anderen europäischen Zivilasationen weit voraus. Im ganzen Land wurden Bibliotheken und Schulen errichtet, von denen viele für die arme Bevölkerungsschicht kostenlos waren. An den Universitäten erhielten die Studenten ein gute Ausblidung in Medizin, Mathematik, Philosophie und Astronomie. Wissenschaftler sprechen deshalb davon, dass der abendländische Aufbruch des hohen Mittelalters auf der Rezeption antiker Philosophie und Wissenschaft beruht, die durch ibero-arabische Überlieferung vermittelt wurde. Gegen acht Jahrhunderte herrschten in Spanien Muslime und führten das Land zu unerhörter Blüte. Nicht London, Paris oder Rom war um die Jahrtausendwende die größte Stadt Europas: Córdoba, der kosmopolitische Sitz des Kalifen, stellte alles in seinen Schatten.

Muslime, Juden, Christen. Mit dem Sieg der Berber traten große Teile des gotischen Adels auf die Seite der islamischen Sieger über, und die Hispanoromanen selber sahen keinen Grund, gegen die Muslime zu kämpfen, noch viel weniger die Juden, die von den zum katholischen Glauben übergetretenen Goten geschunden worden waren. Die Sepharden (Der Begriff Sepharden bezeichnete ursprünglich alle Juden, welche auf der iberischen Halbinsel lebten - Sepharad = hebräisch für iberische Halbinsel) lebten bereits in vorchristlicher Zeit auf der iberischen Halbinsel. Unter den Römern führten sie ein relativ problemloses Leben. Mit der Konversion des spanisch-westgotischen Königs Rekkared II. zum Christentum (589 n.Chr.) und den ihm folgenden westgotischen Königen verschlechterte sich die Situation der Sepharden zusehends und es kam zu ersten Verfolgungen. Deshalb war die Machtübernahme der Araber im Jahr 711 für die Juden eine Art Befreiung.

Wie liberal die islamischen Mauren im Gegensatz zur nachfolgenden christlichen Reconquista waren, wie wenig die uns wieder gerne suggerierten Bilder von den arabischen Heerscharen, Kreuzzügen, Türkenbefreiungen und dergleichen mit der damaligen Welt übereinstimmen, zeigt auch folgender Bericht über die Moschee in Córdoba: An der Stelle der Moschee in Córdoba war zur Römerzeit ein Janustempel, welcher unter den Westgoten im 5. Jahrhundert einer christlichen Kirche Platz machte. 250 Jahre später wurde Córdoba von den Arabern erobert. Sie beließen das Gebäude den Christen, nahmen aber die Hälfte für ihren eigenen Gottesdienst in Anspruch. Abderrahman I., der erste Kalif von Córdoba, kaufte dann den Christen die Kirche für umgerechnet 10 Millionen Franken ab (Dr. E. Bolleter: Bilder und Studien von einer Reise nach den Kanarischen Inseln (1910)), ließ sie niederreißen und begann 785 den Bau der Moschee. Die Säulen waren meist römischen Ursprungs. Sie stammten teils aus den Ruinen von Córdoba und Umgebung, teils wurden sie aus weiter Ferne herbeigeschafft: aus Südfrankreich, Karthago. 140 Säulen sandte sogar der christliche Kaiser Leo aus Konstantinopel als Geschenk!

Wie überhaupt der Kontakt zwischen den muslimischen Herrscherhäusern der Sarazenen (wie man die Mauren nannte) und den christlichen ein anderer gewesen zu sein scheint, als uns die Geschichte(n) weismachen will. Dafür sprechen nicht nur die Säulenspende des Kaisers in Konstantinopel. 797, nach anderen Quellen 801, schenkte der Kalif von Bagdad, Harun al-Rashid, Karl dem Großen den ersten in der überlieferten Geschichte nördlich der Alpen gesichteten Elefanten namens Abul-Abbas. Es war überdies ein asiatischer, weißer Elefant.

Besonders für die Juden brach unter den Mauren die Zeit der "Goldenen Diaspora" an: Das goldene Zeitalter der hebräischen Literatur - es fand im maurischen Spanien statt! Hier schrieben jüdische Dichter und Denker, auch aufgewachsen mit der arabischen Umgangssprache, ihre wissenschaftlichen Werke auf Hocharabisch - und dazu Weingedichte und Liebesklagen auf Hebräisch nach allen Regeln der arabischen Kunst. Man weiß vor allem von jüdischen Übersetzern, welche die griechischen Philosophen wie Aristoteles und Euklid aus dem Arabischen in die Landessprache übersetzt haben und die dann erst den christlichen Autoren ermöglicht haben, diese Texte ins Latein zu übersetzen.

Die Maurische Kunst & Architektur. Sie entwickelte sich aus dem islamischen Stil, in den westlichen Teilen der islamischen Länder, bekannt unter dem Namen Maghreb: Nord-Afrika und Spanien. Der Name Maurenkunst leitet sich von Mauretanien ab, dem Herkunftsland der Herrscher der Almoraviden (1056-1147) und der Almohaden (1130-1269), deren Hofhaltungen die maurische Kunst und Kultur prägten. Die große Al Qayrawan Moschee in Tunesien ist der Vorläufer der westlichen, islamischen Bauwerke und wurde im 9. Jahrhundert vollendet. Im 12. Jahrhundert sorgten dann die Almohaden dafür, dass sich die spanische und nordafrikanische Kunst näher kamen. Die Almohaden errichteten auch die Moschee in Sevilla, die für ihr Minarett, die Giralda, bekannt ist. Den Höhepunkt erreichte der maurische Baustil im 13. und 14. Jahrhundert, mit der Errichtung der luxuriösen Festung Alhambra.

Maurische Kunst erfährt man heute meist als Tourist in der Form musealer Bauobjekte. Die wichtigsten Merkmale der islamischen Baukunst sind u.a. reich verzierte Hufeisenbögen (eine Verschmelzung gotischer und arabischer Kunst), Stalaktitengewölbe in Kuppeln und Nischen, Zwillingsfenster, Kassettendecken und glasierte Ziegel. Auffallend ist das Fehlen jeglicher Personendarstellung, da dies der Islam verbietet. Stattdessen sind die Bauwerke mit floralen Ornamenten und Koranversen geschmückt. Die maurische Kunst kann in Spanien in drei Perioden eingeteilt werden. Diese entsprechen den drei aufeinander folgenden Dynastien, welche die maurischen Gebiete der Halbinsel beherrschten: Die Omayyaden (Córdoba im 8. bis 11. Jahrhundert), die Almohaden (Sevilla im 12. und 13. Jahrhundert) und die Nasriden (Granada im 14. und 15. Jahrhundert).

Es ist nicht nur viel arabische Kunst, die sich in Kalligraphie, Buchmalerei, in Ornamentik, Dekoration, Architektur, Literatur, aufwendigen Metallarbeiten und auch Musik über die Reconquista hinaus erhalten hat. Während die bildende Kunst durch das islamische Bilderverbot sich in Kalligrafie, Dekoration und Ornamentik einen Weg bahnte, der mit den Grundsätzen des Korans im Einklang zu stehen suchte, stand hingegen in Literatur und Musik ganz besonders das diesseitige Leben im Vordergrund. Zu den kulturellen Leistungen gehört aber weit mehr als nur ihre Kunstleistungen und verzaubernde Architektur.

Novationen. Zu den technischen Neuerungen, die mit dem Vordringen des arabischen Kulturraums nach Spanien gelangten, sind solche mit weitreichenden Konsequenzen. Beispielhaft hervorgehoben seien die verschiedenen keramischen Verfahren, die den Erzeugnissen einen gläsernen Überzug verliehen, der sie wasserdicht machte und zugleich Untergrund und Deckschicht für eine eventuelle Einfärbung oder für das Dekor war. Wir verwenden das Produkt heute noch in jeder Küche und in jedem Bad: die Fliesen! Die Verwendung von Bodenfliesen und mit Fliesen verkleideten Wandsockeln breitete sich im Süden Spaniens schnell aus. Bereits vor 1240 weist der Chronist lbn Said auf die in Andalusien hergestellte Keramik hin, die für Bodenbeläge in den Häusern Verwendung fand und "a-zala,iyi" genannt wurde (daher spanisch "azulejos" = Fliesen). Mit einer ständig zunehmenden Komplexität ihrer Entwürfe, mit verfeinerten geometrischen Formen und mit einer immer virtuoseren Verarbeitung spiegeln die Fliesen die allgemeine Entwicklung der kulturellen Hochphase wider. Davon legen unter anderem verschiedene mit Fliesen verzierte Räume der Alhambra in Granada beredtes Zeugnis ab. Die Wissenschaft neigt dazu, die verwendeten Techniken und ihre weit verbreitete Anwendung in der Architektur mit Persien in Verbindung zu bringen, wobei man spekuliert, dass infolge der Invasion Persiens durch die Truppen Dschingis-Khans nach Al Andalus (Andalusien) eingewanderte Töpferfamilien einen Einfluss auf die Entwicklung der Fliesen im 14. und 15. Jahrhundert ausgeübt haben könnten.

Papier. Europa verdankt das Papier und die Bücher der islamischen Welt. Die Kunst der Papierherstellung wurde erstmals um 751 in der arabischen Welt durch chinesische Kriegsgefangene nach der Schlacht am Thales bei Samarkand bekannt. Von Samarkand aus verbreitete sich das Papiermachen im islamischen Einflußbereich rasch. Große Papiermanufakturen wurden eingerichtet. Schon im Jahre 794 n. Chr. wurde in Bagdad Papier hergestellt, 870 erschien dort das erste Papierbuch. Es folgten Papierwerkstätten in Damaskus, Kairo, in nordafrikanischen Provinzen bis in den Westen. Damaskus wurde für Jahrhunderte der Hauptlieferant für Papier nach Byzanz und in andere Teile Europas, wohin der Export etwa im 10./11.Jahrhundert begann. Über Kairo verbreitete sich die Papierherstellung bis Marokko. Schließlich brachten die Mauren die Papiererzeugung nach Spanien. Es bleibt der unbestrittene Verdienst der arabischen Kultur, die Kunst der Papierherstellung in ihrem weiten Reich durch die Mauren bis nach Spanien ausgebreitet zu haben. Der Besitz des Papiers ließ im islamischen Reich das Schreib- und Buchwesen aufblühen und Bibliotheken größten Ausmaßes entstehen.

Bibliotheken. Wobei über die islamisch-arabische Kultur - die man heute in Kreuzzugsmanier gerne bestreiten möchte - in diesem Zusammenhang hinzugefügt werden darf, dass zu Zeiten Karl des Großen, also im 9. Jahrhundert die Bibliothek in Cluny - die größte christliche Bibliothek - gerade mal über rund 5000 Bücher verfügte, aber die zeitgleiche Bibliothek allein des Kalifats Córdoba eine halbe Million Bücher besaß! Es gab damals neben dem maurischen Spanien kein wirkliches Europa, kein "Abendland", es gab nur Wälder mit ein paar ärmlichen Siedlungen. Und einige Klöster, in denen allerdings auch nur wenige Leute lebten, die man nicht zu den Analphabeten hätte zählen müssen.

Dritte Welt. Für die Araber muss Europa eine Art Dritte Welt gewesen sein. Ein Land der Barbaren, man sagte über die Westchristen mit einem uns heute in umgekehrter Richtung geübten Hochmut der Hochkultur, dass "der kalte europäische Nordwesten die Intelligenz behindere". Alles, was die Europäer über die Antike wissen, haben sie aus Übersetzungen aus dem Arabischen. Wir haben zum Beispiel die Aufzeichnungen von Ibrahim Ibn Jakub, einem jüdisch-arabischen Kaufmann, der nach 950 auch Kaiser Otto (König des Ostfrankenreichs ab 936 und Kaiser des Römischen Reiches, in einem Memorialbuch des Klosters Reichenau wird Otto bereits 930 als rex, also König, bezeichnet) in Magdeburg besuchte. Er hat beschrieben, was Europa damals war: Wald. Sümpfe. Ein paar Wege und die Anfänge von Städten.

Im Islam galt stets, dass die Bildung nicht ein Monopol bestimmter Schichten und Kreise sein dürfe. Hauptgrund für diese Entwicklungen war, dass die Muslime es stets als eine religiöse Pflicht ansahen, sich zu bilden, denn für sie kommt alle Weisheit von Allah und weist auf ihn zurück. So haben auch die hohen arabischen Würdenträger ihre Privatbibliotheken stets allen Gelehrten offen gehalten und die Errichtung öffentlicher Bibliotheken betrieben, die nicht selten aus Stiftungen von Privatbibliotheken hervorgegangen sind. Neben diesen öffentlichen Bibliotheken entstanden die Bibliotheken in den den Moscheen angeschlossenen Koranschulen, den Medresen. An diesen wurde nicht nur Theologie gelehrt, sondern auch andere Disziplinen, was zu einer beachtlichen Reichhaltigkeit der Medresenbibliotheken führte, welche die zeitgleichen abendländischen Bibliotheken bei Weitem übertrafen.

Zentrum der islamischen Literaturakkumulierung wurde zuerst einmal das abbasidische Bagdad: Die erste große Bibliothek des arabischen Bereichs war die des "Hauses der Weisheit" (oder "Schatzkammer der Weisheit", bayt al-hikma) in Bagdad um 825/830, gegründet von al-Mamun, dem Nachfolger Harun-al-Raschids. Im Haus der Weisheit sollen an die neunzig Übersetzer gearbeitet haben. Übersetzt wurden vor allem philosophische und wissenschaftliche Texte, aber keine "schöne Literatur": Euklid, Galen von Pergamon, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus, Archimedes. Unter der Leitung des Christen (!) Hunayn ibn Isha entwickelte man eine Technik des konzeptionellen anstelle des wörtlichen Übersetzens. Dieser wurde übrigens vom Katholikos Sargis (!) wegen angeblicher Bilderschändung exkommuniziert und inhaftiert. Man nimmt in diesen Zusammenhang auch einen Suizid des Gelehrten an.

Außerdem gab es am Haus der Weisheit auch ein Observatorium. Es wurde Vorbild für ähnliche Einrichtungen, später in Córdoba und Sevilla geschaffen. Um die Bedeutung der Bücher im arabischen Raum noch einmal zu illustrieren: 967 wurden im Hause eines aufmüpfigen Abassidenprinzen 17.000 Bücher beschlagnahmt! Um 1000 gab es in Bagdad 100 Buchhändler, und am Ende der Blütezeit (1258) existierten in Bagdad 36 Bibliotheken, von denen viele öffentlich zugänglich waren und in denen der Benützer Schreibplatz und Schreibmaterial vorfand. Die Bibliothek in Banu Ammar in Tarabulus (Tripolis) soll drei Millionen Einheiten besessen haben, was zwar nicht denkbar und verifizierbasr ist, sie muss aber dennoch außerordentlich groß gewesen sein. In Tripolis bestand buchstäblich eine "Handschriftenfabrik" mit 180 Schreibern, die von den Kreuzfahrern 1109 geplündert wurde. Die Bibliotheken zeigten bereits die Grundstruktur moderner, neuzeitlicher Bibliotheken: Leseraum, Bücherdepot, Differenzierung und Spezialisierung auch beim Personal.

Multikulturell. Am Hof von Córdoba versammelten sich damals die bedeutendsten Gelehrten der islamischen- und später auch christlich-jüdischen Welt: Juden und Christen, Perser und Syrer, Westgoten und Berber - die alle eine Rolle als kuturelle Vermittler spielten - folgten dem Ruf und der Faszination, die von den Weltstädten Córdoba und Toledo, Granada und Sevilla auf die gesamte damalige Welt ausstrahlten und denen die größten Köpfe jener Zeit verpflichtet waren. Namen wie Ibn Rushds, Ibn Sinas, Ibn Sohr und al Ghazali wurden bald auch im Abendland in der lateinisierten Bezeichnung Avicenna, Averroes, Avencoar und Algazel bekannt. Unter den Arabern aber wurde Córdoba innerhalb kurzer Zeit eine ernstzunehmende Rivalin von Damaskus und Bagdad. Es entstand eine hervorragende Schule und die Palastbibliothek des Umajjaden-Kalifen al-Hakam Al-Mustansir (961-976) von Córdoba verfügte im 10. Jahrhundert angeblich über eine halbe Million Handschriften, der Katalog allein füllt jedenfalls 44 (in Worten: vierundvierzig) Bücher. Alle in Nachlässen befindlichen Bibliotheken im Land wurden in diese Bibliothek eingebracht und es wurde - auch aus den Bibliotheken im Osten - systematisch abgeschrieben und Bestände erworben.

Das maurische Erbe in der Sprache. Hunderte von arabischen Worten legen Zeugnis ab für das , was Spanien und mit ihm Europa der maurischen Zivilisation verdankt, die der ihr nachfolgenden katholischen unendlich überlegen war. Wie die Tulpe sind Tabak und Kaffee, Kandisin, Zucker, Marmelade, Limonade, Marzipan, Flieder und Jasmin, Gewürze wie Myrrhe, Kümmel oder Ingwer, Handelsbegriffe wie Tarif, Tara, Magazin, Arsenal, Kleidungsstücke wie Jacke, Joppe, Gamasche, Kittel, Mütze oder Pantoffel, ja Admiral und Kaliber, Algebra, Tarock, Alkali, Alkalde, Alkoven, Kali, Kattun, Zenith, Ziffer und Chemie (Al-chemie) weitere Kulturimporte aus dem Morgenland. Ganz zu schweigen von der europäisch-afrikanischen Grenzmarke Gibraltar ("Berg des Tarik") oder der Urlaubsdestination Algarve (Al-Gharb = der Westen). Diese Beispiele veranschaulichen nur vage, um wie viele Facetten ärmer die abendländische Kultur ohne die Osmanische Kultur und die Gebräuche des Morgenlandes wäre. Wie würde man die deutsche Reichstagskuppel ohne das arabische "Kuppel" heute bezeichnen? Oder das tagtägliche Wort "Alkohol". Das im Spanischen überall vorhandene "al-" (Al-kohol) ist der arabische Artikel, der mit dem Substantiv verbunden wurde. Und die "Maureske" (flächendeckendes Muster kompliziert verschlungener, sich überschneidender, stark stilisierter Blattranken und Blüten) hat sich als Fachbegriff auch in der Kunst und Architektur eingerichtet.

Reconquista. Selbst nach der "Befreiung" der iberischen Halbinsel von den Mauren durch die christliche Reconquista entwickelte sich das nationale Kunstverständnis weiter unter bedeutendem Einfluss der maurischen Künstler. In den von den Christen zurückeroberten Gebieten wurden zahlreiche maurische Künstler und Handwerker zum Bleiben ermächtigt und Mudejaren (spanisch mudéjar, "in christlichen Diensten") genannt wurden. Viele Kunstwerke wurden von und für Christen im maurischen Stil ("Mudéjarstil") so erschaffen. Ein berühmtes Beispiel ist Alcázar in Sevilla aus dem 14.Jahrhundert, deren flache und kompliziert geschnitzten Flächen typisch für maurische Fassaden sind.

Die volkstümliche Mudéjar-Tradition, die auch von den einheimischen Künstlern und Handwerkern fortgeführt wurde, zeichnet sich durch regionale Eigenheiten aus. Man findet z.B. in Kastilien häufig Blendarkaden als Wandschmuck, in Aragonien geometrische Muster und Azulejos-Kacheln als Wandverkleidung der Glockentürme. Es wäre auch falsch anzunehmen, dass die Bevölkerung nichts als die Befreiung von den Mauren erwartete. Maurisches Leben wirkte im Untergrund ja gar subversiv fort.

Subversion und technologische Novation. So überraschen den Besucher an der portugiesischen Algarve (Die Region Al-Gharb - arabisch: der Westen - war eine blühende maurische Provinz gewesen) die schmucken Kamine der Häuser, die wie kleine Minarette aussehen. Hier in der Algarve haben die "Mauren" am längsten der christlichen Reconquista standgehalten. Es ist dort Tradition, einen hohen Kamin mit feinen Mustern auf das Dach zu setzen. Diese Tradition entstand zu der Zeit, als eben die Christen das Land eroberten und die Muslime zwangen, auszuwandern oder zu konvertieren. Mit diesen kleinen Minaretten, die sie als Kamine vorgaben, gaben die Einwohner ihren Protest kund. Heute sind diese Schornsteine das Wahrzeichen der ganzen Provinz.

Und auch die Heizungstechnik steht nicht ohne Bewunderung vor diesen Minaretten und sieht darin eine weitere Kulturleistung der Araber auf dem europäischen Kontinent, die eine aufmerksame Naturbeobachtung vor- aussetzt. Denn allen diesen Minarett-Kaminen sind feine, seitliche Öffnungen und der obere Abschluss gemeinsam. Das macht die Türmchen zu raffinierten aerodynamischen Ge- räten. Denn durch die seitlichen Öffnungen streicht immer ein senkrecht zur Schornsteinachse gerichteter feiner Wind. Dadurch ergibt sich im Schorn- stein ein kleiner Unterdruck. (Diesen Druckabfall durch Einwirkung von strömenden Gasen oder Flüssigkeiten kennen wir auch von so alltäglichen Geräten wie der Wasserstrahlpumpe oder den Vergasern in Automotoren, die nach dem Injektorprinzip funktionieren. Beschrieben hat es der Physiker Bernoulli.) Der Unterdruck wird durch aufströmende warme Abluft des Ofens ausgeglichen. So wird der Zug des Schornsteins aufrecht gehalten. Die Abluft des Ofens entweicht dem Schornstein also nicht als dicker Ballon (der in der heißen Außenluft steckenbleiben würde), sondern sie "mogelt" sich förmlich in den durchstreichenden Wind und wird so abgeführt.

Juden und Reconquista. Etwa ab dem Ende des 13. Jahrhunderts nahm der kirchliche und politische Druck auf die christlichen Könige merklich zu. Dadurch verschlechterte sich besonders die Position der Juden. Sie verloren nicht nur das Recht, öffentliche Ämter zu bekleiden, sondern wurden ab der Mitte des 14. Jahrhunderts auch für die ausgebrochene Pest verantwortlich gemacht. Der Druck auf die Juden wurde so gross, dass viele von ihnen zum Christentum konvertierten. Auch als Konvertierte erging es ihnen aber nicht besser, weil sie ständig der Ketzerei verdächtigt wurden. Konkret wurde ihnen stets unterstellt, die jüdische Religion auch nach der Konversion weiterhin auszuüben.

Im Jahr 1478 begann die Inquisition, die Spanien zu einem rein katholischen Land machen sollte. Dahinter standen auch dynastische Erwägungen, denn durch die Heirat Königin Isabellas von Navarra und König Ferdinands von Aragon 1479 wurde ein vereinigtes spanisches Königreich unter dem Siegel des Christentums geschaffen. Im Januar 1492 eroberten die christlichen Könige schliesslich Granada. Ein Teil der Nasriden blieb am Ort und lebte fortan unter den christlichen Königen als bedrängte Minderheit. Sie wurden Morisken genannt. Andere Nasriden flohen in die ostandalusische Gebirgszone, die Sierra Nevada. Die Morisken wurden ab 1502 mehr und mehr zur Konversion zum Christentum gezwungen. Mit dem Fall der letzten muslimischen Bastion in Granada waren auch für die Juden die Würfel gefallen: am 31.3.1492 unterzeichnete Königin Isabella ein Vertreibungsdekret gegen die Juden. Diese hatten zum Christentum zu konvertieren oder aber innert drei Monaten das Land zu verlassen. Viele Juden konvertierten daraufhin; etwa 200.000 flohen jedoch aus Spanien und gingen nach Portugal oder in andere Länder Europas oder nach Nordafrika. In den Jahren 1608/09 vertrieben die christlichen Könige die letzten Nasriden in einem Ausrottungskrieg aus der Sierra Nevada. Die Vertriebenen emigrierten nach Nordafrika.

Völkermord. In Granada - der letzten Station der Mauren - ist nach dem Sieg der Reconquista 1492 (Im selben Jahr entdeckt Kolumbus Amerika und benützt dabei maurische Karten) trotzdem noch ein gemäßigtes Zusammenleben der Religionen möglich. Doch 1499 ändert sich dies, als der einflussreiche Kardinal Ximénez Granada besucht. Im Anschluss daran regiert der Scheiterhaufen. Es kommt es zu Bücherverbrennungen und Zwangskonversionen. Trotz eines Aufstandes der betroffenen Mauren erlässt Isabela la Católica 1502 ein Edikt, das die Mauren vor die Wahl zwischen Taufe oder Vertreibung stellt.

Während die Religionspolitik des nun einig katholischen Spaniens zu einem Massenexodus von Muslimen und Juden führt, kündigt sich der größte Volkermord der Geschichte in Amerika unter katholisch-spanischer Flagge an. Schon Kolumbus' Vorstellung, das Gold "Indiens" für einen neuen Kreuzzug nach Jerusalem verwenden zu wollen, zeugt von den Gewaltabsichten und kriegerischen Zielen. Der katastrophale Verlauf der Entdeckung Amerikas für dessen Einwohner ist eine der weitergehenderen Folgen der christlichen Reconquista, wobei die Mauren den Seefahrern erst die Kunst der arabischen Navigation erschlossen hatten, aber auch einen neuen Schiffstyp, die Karavelle (die arabischen Dhau war Vorbild) beschert hatten. Als Spanier waren die Konquistadoren ein Produkt eben dieser ihrer Zeit. Als sie Anfang des 15. Jahrhunderts glaubten, die "Neue Welt" entdeckt zu haben, lagen bereits 800 Jahre andauernder Kampf gegen die Mauren hinter ihnen. Auf der Iberischen Halbinsel waren sie "Kreuzfahrer" im eigenen Land. Die Männer, die gegen die Mauren gekämpft hatten und die "Heiden" vertrieben, wurden nunmehr zu Glücksrittern und folgten den Seefahrern über das Meer. Angesichts neuer "Ungläubiger" in neuen Ländern bahnten sie sich einen Weg zwischen Mord und Heldentum, der in der Menschheitsgeschichte einmalig ist. Ihre Gier nach Gold war grenzenlos.

10.7.11/[Letzte Aktualisierung  30.9.12] Das Vorarlberger Bloghaus verlinkt interessante Weblogs.

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