Wiederholt sich Geschichte? Ein Bayer kostümiert sich als Griechenkönig

Jakob Philipp Fallmerayer, der südtirolstämmige Münchner Orientalist hatte mit seinem bemerkenswerten Werk "Geschichte des Kaisertums in Trapezunt" die These vertreten, dass die antiken Griechen im Mittelalter ausgestorben seien und durch hellenisierte Slawen und Albaner verdrängt wurden. 

Wörtlich schreibt er: "Das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet ... Denn auch nicht ein Tropfen edlen und ungemischten Hellenenblutes fließt in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands."

Er hatte sich damit den Hass der "Philhellenen" und der "neugriechischer Patrioten" zugezogen. In Deutschland warf man ihm panslawistische Propaganda vor, dabei war gerade er es, der vor dem Expansionismus der russischen Zaren warnte. Der Staatsdienst blieb ihm 1834 nach einer Rückkehr von einer Studienreise aus dem Vorderen Orient verwehrt, da Ludwig I. Sohn Otto - noch minderjährig und mit Vormund - König von Griechenland geworden war. Da passte er nicht mehr ins Bild.

Als Otto von der Londoner Konferenz als "König von Griechenland" vorgeschlagen wurde, war er denn grade mal 17 Jahre und wohl nicht das geeignetste Bollwerk gegen das osmanische Reich und auch in einer Zeit des erstarkenden Nationalismus kaum ein idealer Repräsentant der Griechen. Da Otto noch unmündig war, führten seine Beamten das Regiment für ihn. Ihnen schwebte eine Mischung aus Bayern und antikem Ideal vor. Die griechische Fahne wurde auch gleich auf bayrisch-blau eingefärbt.

Filetierung. Und es war ein "Klein-Griechenland": Denn zu diesem Griechenland gehörte nur der Peloponnes, das nördlich davon gelegene, Livadien genannte Gebiet mit Attika und der östlich vorgelagerten großen Insel Euböa, dazu die Nördlichen Sporaden und die Kykladen. Nicht einmal jeder dritte Grieche im Osmanischen Reich war damit "befreit". Und auch England behält sein Stück Griechenland bis 1864, die Ionischen Inseln samt Korfu. Russland hat es da besser mit dem "Befreiungskrieg": es erhält von der Türkei die Gebiete zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Der liberale Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung, der 1848 in Wien standrechtlich erschossene Robert Blum spöttelte denn auch: "Im Jahre ein Tausend acht Hundert und dreißig / Erschien, nachdem man erst lange und fleißig / Zu London daran war, mit Drucken und Pressen / Auch hat man nicht zu beschneiden vergessen / Ein Werkchen, betitelt: Neugriechischer Staat / In einem sehr niedlichen Taschenformat".

Größenwahn. Athen, damals in Wirklichkeit ein Provinznest ohne Bedeutung und entvölkert, sollte Hauptstadt werden, als absolutistische Metropole wiedererstehen. Der Plan für die Hauptstadt sah einen typisch dreieckig strahlenförmigen Grundriss im Sinne der absolutistischen Stadt des 18.Jahrhunderts vor. Pate standen die Stadtpläne von Karlsruhe; Versailles und St. Petersburg. Die wichtigsten Straßenachsen strahlen vom Sitz der königlichen Residenz aus. Der Palast liegt der Akropolis gegenüber. Direkte Sichtbezüge von den Kulminationspunkten der Neustadt zu den antiken Denkmälern auf der Akropolis waren vorgesehen. Das Implantat scheiterte und so schickte im Laufe des Sommers 1834 König Ludwig den königlichen Baurat Leo von Klenze (den Erbauer der Pinakothek) nach Athen. Sein überarbeiteter Plan von Athen ergab eine Kompromisslösung, die den großzügigen ursprünglichen Plan an die politischen und finanziellen Realitäten des jungen Staates anzupassen versuchte. Er übernahm die Hauptlinien des Urplanes und verminderte das Ausmaß der öffentlichen Flächen sowie des ganzen bebauten Gebietes. Die königliche Residenz wollte er auf verschiedenen Ebenen an den nordwestlichen Hängen des Nymphenhügels ansiedeln. Die architektonischen Vorschläge Klenzes (Residenz, Pantechneion, Akropolismuseum) sind allerdings nicht befolgt worden.

Maximilian, der Bruder von Otto, erteilte schließlich den Auftrag an Karl Friedrich Schinkel einen Plan für den Palast zeichnen. Dieser wollte den Königspalast neben den Parthenon setzen, der neue sollte also zum alten König kommen und die antiken Monumente miteinbezogen werden. Er versucht ein relativ niedriges, asymmetrisches, pavillonartiges Ensemble nach pompejanischem Vorbild zu schaffen, wobei die Höhe des Parthenons nicht überschritten werden sollte. Vor den Palast wollte er eine Athena Promachos als Wahrzeichen aufstellen. Der Palast in der Akropolis war allerdings nicht realisierbar, obwohl es Otto gern gehabt hätte, am gleichen Ort zu wohnen wie damals König Kekrops. Während eines Aufenthalts in Athen wählte Bayerns König Ludwig I. (!) dann den endgültigen Standort für die Residenz und zwar vor dem heutigen Syntagmaplatz. Der Palast ist heute das Parlament. Letztendlich wurde der Plan von Friedrich von Gärtner realisiert.

Schüler und Studenten wurden unter dem bayrischen Otto I. von Griechenland mit einer gereinigten Hochsprache, dem Katharevussa, traktiert, einer Form des Neugriechischen, die sich ans Altgriechische anlehnte. All das begeisterte wenig, zumal viele Griechen weiter von der Neuerrichtung des byzantinischen Reiches träumten und Istanbul (Konstantinopel) als Griechenlands wahre Hauptstadt betrachteten. Ottos bayrischen Beamte mochten auch keine aufmüpfigen Untertanen. Ihr Griechenland erinnerte eher an das neoabsolutistische, zensurgeknebelte Biedermeier−Deutschland als an den Idealstaat, von dem die der Propaganda erlegenen Menschen in Europa so oft geträumt hatten.

Kreditkolonialismus. Erst ein Aufstand führte 1844 zur Einführung einer Verfassung in Griechenland und die Münchner Beamten wurden nach Hause geschickt. Otto durfte noch bis 1862 weiterthronen; dann, nach einer missglückten Intervention im Krimkrieg, stürzte ihn das Militär. Doch nicht allein die selbstherrlichen Bayern erweckten bei den Griechen den Eindruck, Knecht im eigenen Haus zu sein. Im Hintergrund agierten noch immer die drei "Schutzmächte" England, Frankreich und Russland. Mit großzügigen Krediten hatten sie den jungen Staat unterstützt und von sich abhängig gemacht. Ihre Botschafter walteten und schalteten in Athen wie Vizekönige.

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